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Der Reichtum des gegenwärtigen Moments!

  • johanneszemanek
  • Jul 29
  • 2 min read


Unlängst stellte mir ein Teilnehmer die Frage, was Feldenkrais und Atempädagogik eigentlich „bringen“. Ich hatte in diesem Moment keine wirklich gute Antwort. Gleichzeitig spürte ich deutlich, dass ihn etwas an der Herangehensweise hemmte – und inzwischen kann ich klarer benennen, was ihm den Zugang zur Arbeit erschwerte.

Moshe Feldenkrais hat seine Methode ein Leben lang weiterentwickelt. Er blieb neugierig und suchte immer wieder den Austausch mit Menschen, die sein Verständnis von Lernen, Entwicklung und Menschsein vertiefen konnten. So begegnete er Heinrich Jacoby. Die beiden trafen sich und verbrachten eine Woche im intensiven Gespräch.

Jacoby war ursprünglich Musikpädagoge, arbeitete jedoch mit Menschen, die überzeugt waren, etwas nicht zu können. Sein Buch „Jenseits von Begabt und Unbegabt“ ist so modern, dass sich bis heute nur wenige trauen, seinen radikal reformistischen Weg wirklich zu gehen – und dabei stammt es bereits aus den 1940er-Jahren.


Feldenkrais war überzeugt, er könne nicht zeichnen. Jacoby gab ihm eine einfache Aufgabe: Er sollte die Lampe zeichnen, die vor ihnen auf dem Tisch stand. Nach einigem Murren setzte Feldenkrais ein paar Striche aufs Papier – gerade genug, dass man eine Lampe erkennen konnte.


Jacobys Rückmeldung war jedoch überraschend: Er bewertete nicht die Zeichnung. Er sagte lediglich: „Das ist nicht die Lampe, die hier steht.“ Denn auf dem Papier war nicht das zu sehen, was tatsächlich vor ihnen stand – mit all ihren Rundungen, Schattierungen und Feinheiten –, sondern nur eine Skizze: eine Idee, ein Modell von „Lampe“.

Feldenkrais zeichnete nicht, was er sah. Er zeichnete, was er wusste – eine reduzierte Vorstellung, mit der sich leicht operieren lässt.


Genau darin liegt eines der größten Hindernisse in unserem Lern- und Lebensprozess: Jeder einzelne Moment ist so reich an Eindrücken, dass wir nichts hinzufügen müssten, um ihn zu erleben oder zu genießen. Und doch neigen wir dazu, ihn zu verkleinern – ihn in überschaubare Einheiten zu zerlegen und in vertraute Muster einzuordnen.

Das ist hilfreich, um uns zu orientieren und zu überleben. Gleichzeitig kann es uns daran hindern, Neues zu entdecken. Es dämpft Kreativität und Genuss. Muster sind nicht „schlecht“ – problematisch wird es erst, wenn wir nicht mehr aus ihnen aussteigen können und uns die Wahlmöglichkeit fehlt.


In jedem Augenblick sind Entwicklung und Wohlbefinden möglich, wenn wir uns trauen, uns auf den Reichtum des gegenwärtigen Moments einzulassen. Viele unserer Muster dienen dazu, Ängste zu beruhigen – genau jene Ängste, die uns davon abhalten, wirklich im Hier und Jetzt anzukommen.


Darum ist die Arbeit mit Atem und Bewegung so besonders: fein, unmittelbar und erstaunlich reich. Wir treten in einen Prozess von Lebendigkeit und Präsenz ein – einen Prozess, der heilsam ist und Wohlbefinden entstehen lässt.


Ich freue mich darauf, euch dabei begleiten zu dürfen!


Johannes Zemanek

 
 
 

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