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  • johanneszemanek

Warten: Wann ist es so weit?

Wie viel Zeit im Leben verbringen wir damit zu warten? Wir warten darauf das etwas kommt, wir warten das etwas vergeht. Wir warten auf den richtigen Zeitpunkt. Manches braucht Zeit bis es reif ist, anderes muss erst auftauen, bevor wir damit arbeiten können. Viele kennen auch vom Backen, dass ein Teig, den wir angesetzt haben, erst ruhen muss, bis wir ihn fertig backen können. Wenn wir an diesen stellen nicht warten können, gelingt unser Vorhaben und im größeren Sinne unser Leben nicht. An andern Stellen müssen wir aber rasch handeln, sonst brennt etwas an. Dann wäre warten fatal. In manchen Bereichen gewinnen wir hier große Expertise, beruflich, manche Hobbys, aber schaffen wir das auch mit uns selbst und anderen, im menschlichen Kontakt, dort wo es um das Eigentliche geht. Oft müssen wir in wesentlichen Lebensbereichen Entscheidungen treffen, in denen uns sicheres Wissen fehlt. Wir müssen uns dann, voller Vertrauen auf eine Zukunft einlassen, von der wir nicht wissen, wie sie ausgeht. Natürlich ist vieles planbar, aber in letzter Konsequenz bleibt auch vieles ungewiss. Je wichtiger uns Bereiche sind, desto mehr Mut braucht es um diese Entscheidungen zu treffen.

Was gibt uns nun Kraft, das Warten zu erleben, ohne uns in einen emotionalen Bunker zurückzuziehen bis alles vorbei ist? Was hilft uns Entscheidungen im richtigen Zeitpunkt zu treffen, um nicht das Leben ganz zu verpassen? Muss Warten ein Aushalten sein? Kann es auch produktiv oder einfach lebendig sein. Was kann ich loslassen und was halte ich fest. Wo ist es wichtig dran zu bleiben und was passiert ohne mein großes Zutun, (vielleicht sogar dann am besten)?

In der Atempädagogik lernen wir darauf zu warten, dass der Atem von selber kommt und geht. Dass wir nichts hinzutun oder weglassen müssen, ja dass das Warten, weder etwas aktives noch etwas passives ist, sondern ein Eingebettet sein ins Ganze. So wie ich als Teil einer Gruppe mich aktiv einbringe aber auch passiv die Inputs der Anderen aufnehme. Viele Kräfte, die in unserem Leben wirken, brauchen nicht unsere ständige Kontrolle. Wenn wir diese Kräfte zulassen können und nicht unseren Willen aufzwingen, werden auf einmal Energiequellen frei und es beginnt zu sprudeln, wo wir zuvor ständig graben und pumpen mussten.

In der Feldenkraisarbeit lassen wir uns Zeit um wirklich zu spüren, was wir tun. Wie wir als Ganzes in der Bewegung erfahrbar werden und uns in einem ständigen Bezug zur Welt um uns befinden. Die Schwerkraft wirkt auf mich und ich wirke ihr entgegen. Welche Kraft benötige ich tatsächlich und wie viel Zeit braucht es für Veränderung. Wann kann ich mich einfach nur hingeben?

Mit der Zeit lernen wir, dass die großen Ziele und Bedürfnisse, von denen wir uns sofortige Erfüllung erhoffen, erwartbar sind. Dass wir uns nicht nur auf die Flussmündung konzentrieren dürfen, die im Meer des Seins endet, sondern uns dem Fluss, dem Prozess der gerade da ist, anvertrauen können. Wir können die verletzten, schmerzenden und ungeduldigen Anteile begleiten, die das Ziel kaum erwarten können und uns dort Hilfe holen, wo wir es brauchen. Manches ist, leider auch schwer bis gar nicht auszuhalten und dann ist es sinnlos zu warten, im Sinne eines Aushaltens, des Unaushaltbaren.

Das alles zu erkennen und unterscheiden zu lernen ist die Lebenskunst, die uns einen lebendigen Kontakt mit uns selbst und anderen ermöglicht. Ich freue mich, wenn die Atempädagogik und Feldenkrais einen wertvollen Beitrag dazu leisten kann.


Johannes Zemanek

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